„Ein Besen, drei Räder und ein Shitstorm“ – oder: Die Apokalypse beginnt bei Google.
Auszug aus der Bewertung:
„Ich bin schockiert über das unprofessionelle Verhalten des Mitarbeiters. […] Zumal der Mitarbeiter mit einem Besen hantierte und außer uns keine Kunden hatte.“
– Frau „Weggy“, Local Guide, 48 Rezensionen, 33 Fotos – und kein Fahrrad
Es war ein ganz normaler Tag im Alten Land. Der Apfelduft lag in der Luft, der Hof war sauber, das System funktionierte – fast schon unheimlich reibungslos. Ich stand mit einem Besen in der Hand vor der Tür, die Sonne schien auf meine kehrenden Bewegungen wie in einem Heimatfilm.
Da kamen sie: Zwei Menschen, scheinbar auf der Suche nach drei Fahrrädern und einem Grund zur Aufregung. Denn dass ich da stand – mit Besen in der Hand und einem gepflegten Eingangsbereich – war offenbar schon der erste große Skandal. Es war etwa 16 Uhr, der letzte Durchlauf vor Feierabend, und ich fegte kurz den Hof. Kein Kunde weit und breit? Falsch. Der letzte Kunde war gerade fünf Minuten vorher gegangen – ebenfalls freundlich, zufrieden und mit einem geliehenen Rad. Nur eben keiner, der 48 Rezensionen schreiben muss, um Dampf abzulassen.
Frau „Weggy“ und ihre Begleitung wollten spontan drei Fahrräder leihen. Ich erklärte ruhig und gelassen – wie wir es auf Website, Google, Türschild, Aushang, Handzettel, Rauchzeichen und vermutlich sogar im Apfelsaft-Etikett formulieren – dass unsere Buchung ausschließlich online erfolgt. Warum? Weil das System funktioniert. Und weil wir in der Zeit, in der sich andere im „Spontanverleih“ verlieren, Räder reparieren, flottmachen oder Menschen helfen, die sich vorher informiert haben.
Doch Frau „Weggy“ fand das nicht hilfreich. Sie fand es „frech“. Vor allem, weil ich ihr – auf ihren Wunsch, das Formular sei „so umständlich“ – den ganz praktischen Hinweis gab, einfach von unten nach oben auszufüllen. Ein Tipp, den mir übrigens eine 93-jährige Stammkundin mal gegeben hat. „Das klappt besser“, sagte sie – und behielt recht.
Was bei der älteren Dame für Heiterkeit sorgte, verwandelte sich bei Frau „Weggy“ in ein Drama. Ein „herablassender Kommentar“, „Arroganz“, und ein „nicht akzeptables Verhalten“. Und dann kam die Wetteransage: Ich erwähnte freundlich, dass laut Wetterbericht gegen Abend Regen angekündigt sei – man könne also überlegen, ob man nicht lieber morgen starten möchte.
In Frau „Weggy´s“ Version wurde daraus eine Art Beleidigung, ein Versuch der Entmutigung, ein feuchter Akt der Respektlosigkeit. Dabei regnete es am Ende wirklich. Um 16:10 Uhr: Platzregen. Ich hätte wetten sollen.
Stattdessen bekam ich eine Google-Rezension, die länger war als ein Reparaturhandbuch für ein E-Lastenrad. Und das alles, weil jemand keinen Besen, kein System und keinen gut gemeinten Ratschlag vertragen konnte.
Tja. Was soll man sagen?
Der Besen war freundlich. Ich auch. Nur das Internet leider nicht.