Das Fahrrad mit Eigenleben
2018 – ein Jahr wie jedes andere, dachte ich. Bis eines Tages die Nummer 13 einfach vom Hof verschwand. Nein, nicht irgendeine Nummer 13. Es war mein Cytibike von Victoria. Hübsch, robust, zuverlässig. November war’s, das Wetter trüb, mein Gemüt nach der Entdeckung ebenfalls. Jemand hatte es sich einfach genommen. Geklaut. Vom Hof in Hollern-Twielenfleth. Dreist. Als würde ich da Fahrräder zum Mitnehmen parken.
Ich war sauer, kurz traurig – und dann… na ja, ehrlich gesagt, schnell wieder im Tagesgeschäft versunken. Leihgeschäft eben. Ich dachte: „Das Rad seh ich nie wieder.“ Doch die Nummer 13 hatte wohl andere Pläne.
Fast ein halbes Jahr später. Es ist Mai 2019. Ich bin in Stade unterwegs, fahre Richtung Melau – und da sehe ich ihn: einen Mann, gemütlich radelnd auf einem Victoria Cytibike, direkt am Deich der Schwinge. Und was sehe ich da? Mein Aufkleber. Meine Nummer. Meine 13. Ich schaue, blinzele, bin verdutzt, schüttle den Kopf – aber nein, ich halluziniere nicht. Das ist mein Fahrrad!
Der Mann radelt seelenruhig weiter. Ich folge ihm, diskret wie ein Tatort-Kommissar. Nach etwa zwei Kilometern biegt er auf einen Hof, stellt das Rad in einen Schuppen. Ich hinterher. Die Tür ist noch nicht ganz zu, da spreche ich ihn an.
„Woher haben Sie das Fahrrad?“ frage ich, nicht unfreundlich, aber bestimmt.
Er antwortet sofort: „Flohmarkt! Gekauft! Im Januar!“
„Im Januar? Auf welchem Flohmarkt gibt’s denn im Januar Fahrräder im Topzustand für’n Appel und’n Ei?“, frage ich.
Keine Antwort. Ich zücke mein Handy, kündige freundlich aber unmissverständlich an, dass ich jetzt die Polizei rufe. Plötzlich – totale Sprachverwirrung. Der Mann, eben noch erstaunlich wortgewandt, kann kein einziges Wort mehr auf Deutsch. Stattdessen stammelt er irgendwas von „ich nix mehr fahren, Fahrrad kaputt, bitte nicht Polizei!“
Es stellte sich heraus: Das Ganze spielte sich in einer Unterkunft für Geflüchtete und Menschen ohne festen Wohnsitz ab. Und ja – Menschlichkeit ist wichtig. Wer nichts hat, soll Hilfe bekommen. Ehrlich. Hätte der Mann gefragt – ich wette, ich hätte irgendwo in meinem Fundus ein Rad gehabt, das ich ihm sogar geschenkt hätte. Aber so?
Am Ende bekam ich die Nummer 13 zurück. Nicht durch Zauberei, sondern durch sanften Nachdruck. Und während ich mit meinem Fahrrad davonschob, dachte ich: Vielleicht ist es kein Zufall, dass es ausgerechnet die 13 war. Vielleicht hat dieses Rad einfach ein Talent für Abenteuer. Vielleicht sollte ich ihm einen GPS-Tracker spendieren. Oder einen Talisman.
Oder ich schreibe einfach ein Buch über solche Geschichten….?