Das Märchen vom Radfahrer, der die Regeln nicht mochte
Das Märchen vom Radfahrer, der die Regeln nicht mochte.
Es war einmal ein berühmtes Fahrradgeschäft in einem kleinen Küstendorf namens Grünendeich. Dieses Geschäft war bekannt als das „Cycling-Stop-Königreich“. In diesem Königreich herrschten weise Regeln, die allen gleichermaßen Gerechtigkeit bringen sollten: Jeder, der Hilfe von den geschickten Radschmieden begehrte, musste eine heilige Audienz, auch „Termin“ genannt, vereinbaren.
Eines Tages erschien ein Reisender namens Sir Hänschen Jorge. Er war ein selbsternannter „Lokaler Führer“, der sich rühmte, viele Länder bereist und bewertet zu haben. Sir Hänschen brachte ein magisches Rad mit einer defekten Felge und bat um Hilfe.
„Natürlich, edler Reisender,“ sprachen die Radschmiede, „vereinbare eine Audienz und wir werden dein Rad heilen.“
Sir Hänschen tat wie geheißen, erhielt seine mystische „ID-Nummer“ und die Radschmiede machten sich an die Arbeit. Nach vollbrachtem Werk holte Sir Hänschen sein repariertes Rad ab und zog von dannen.
Die Radschmiede hatten sich alle Mühe gegeben, das Laufrad zu reparieren, doch es ist eine alte Weisheit im Königreich der Fahrräder, dass man zum Umspeichen stets das gesamte Rad mitbringen sollte, nicht nur die Felge allein.
Doch kaum in seinem Schloss angekommen, entdeckte Sir Hänschen Jorge ein Problem: Das Rad streifte am Rahmen. „BETRUG!“, donnerte er, anstatt zu überlegen, dass die Radschmiede ja nur das Rad gesehen hatten, nicht aber seinen speziellen Rahmen.
Sir Hänschen, der die Regeln des Königreichs sehr wohl kannte, versuchte nun durch eine Hintertür einzudringen. Er sandte magische „WhatsApp“-Botschaften, obwohl überall geschrieben stand, dass diese nur für Bilder, nicht aber für Terminvereinbarungen gedacht waren.
Als keine sofortige Antwort kam, bestieg Sir Hänschen Jorge sein Streitross und galoppierte unangekündigt zum Cycling-Stop-Königreich. „Ich verlange SOFORTIGE Hilfe!“, rief er und wedelte mit seinem Rad.
Die Radschmiede, umringt von wartenden Kunden mit Terminen, erklärten höflich: „Edler Sir, wir können Euch gerne helfen, aber auch Ihr müsst eine Audienz vereinbaren, wie alle anderen.“
Dies erzürnte Sir Hänschen gewaltig. „WIE KÖNNT IHR ES WAGEN!“, schnaubte er. „Wisst Ihr denn nicht, wer ich bin? Ein LOKALER FÜHRER mit ZEHN REZENSIONEN!“
Widerwillig vereinbarte Sir Hänschen Jorge eine Audienz für den nächsten Tag – nur um dann nicht zu erscheinen. Stattdessen zog er sich in seine Kammer zurück und verfasste eine zornige Schriftrolle. Darin behauptete er, das Königreich habe behauptet, überbucht zu sein, obwohl er selbst gesehen hatte, dass Termine verfügbar waren – Termine, die er selbst nicht eingehalten hatte!
Am Ende entschied Sir Hänschen, sein Rad selbst zu reparieren, und schwor, dass er allen im Land von seiner „schrecklichen Behandlung“ berichten würde. Er vergaß dabei geflissentlich zu erwähnen, dass er die Regeln des Königreichs kannte, sie aber für sich selbst als nicht gültig betrachtete.
Der weise König des Cycling-Stop-Königreichs antwortete mit einer höflichen Schriftrolle, in der er die wahren Begebenheiten darlegte. Er erklärte, dass die Regeln für alle gleich gelten müssen – ob Neuankömmling oder wiederkehrender Besucher, ob für neue Wünsche oder für Nachbesserungen.
Und so lautet die Moral dieser Geschichte: Im Königreich der Fahrräder wie im echten Leben gelten die Regeln für alle gleichermaßen – auch für lokale Führer mit zehn Rezensionen.
„Ölige Hände, aber kein Service“ – oder: Wenn man wirklich alles ignoriert, außer das eigene Drama
„Ölige Hände, aber kein Service“ – oder: Wenn man wirklich alles ignoriert, außer das eigene Drama
Auszug aus der Bewertung:
„Ein Mann fragte, ob wir nicht chatten könnten, da er gerade ölige Handy habe… Fazit: Ganz schlechter Kundenservice!“
– C., 10 Rezensionen, 0 Fotos, aber offenbar blitzsaubere Erwartungen
Stellen wir uns folgendes vor:
Zwei Menschen fahren ohne Reservierung zu einem kleinen Fahrradladen. Der Laden ist – laut eigener Aussage – offen. Doch niemand ist zu sehen. Und anstatt mal zu lesen, was am Geschäft steht oder auf der Webseite zu schauen, zücken sie das Handy.
„Wir haben mehrfach angerufen… keiner ging ran!“
Ach ja? Willkommen im Fahrradservice-Alltag.
Denn was da gerade passiert, während das Telefon klingelt, ist meist Folgendes:
– Ein platter Reifen
– Ein eierndes E-Bike
– Eine Kundin, die fragt, ob sie ihr Lastenrad auch für einen Hund nutzen kann, der 45 Kilo wiegt
– Und ja, manchmal auch einfach: ölige Hände
Und dann ruft jemand an. Und ich, der mit Bremsen, Schraubenschlüssel und Fingerspitzengefühl hantiert, nehme trotzdem ab – und sage genau das:
„Entschuldigen Sie, ich hab gerade ölige Hände, könnten Sie bitte kurz in den Chat schreiben?“
Eine Antwort, die in jedem anderen Kontext als freundlich, ehrlich und hilfreich durchgeht.
Aber nicht für C.
Für C war das offenbar ein Akt der Serviceverweigerung, eine persönliche Beleidigung, ein Zeichen der Apokalypse.
Statt fünf Sekunden im Chat zu tippen, wurde lieber 90 Minuten gewartet, um am Ende zu schreiben: „Ganz schlechter Kundenservice!“
Die Wahrheit?
– Wir geben keine telefonischen Auskünfte, sondern haben einen gut funktionierenden Chat.
– Wir sind nicht immer am Tresen – weil wir draußen, unterwegs oder am Rad schraubend für andere Kunden da sind.
– Und wer nicht reserviert, nicht chattet, nicht liest – hat kein Serviceproblem, sondern ein Informationsproblem.
Und ehrlich gesagt:
Wenn das größte Problem an einem Tag ist, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung öliges Werkzeug in der Hand hatte, dann möchte ich C. herzlich einladen, mal selbst einen Bremszug zu tauschen.
Spoiler: Danach weiß man, warum ein Handy lieber sauber bleibt.
2021 – Die Luftnummer mit Herrn Luftimkopf
2021 – Die Luftnummer mit Herrn Luftimkopf
Es war Ende Februar, ein frostiger Tag, an dem man eher an Glühwein als an Fahrradfahren denkt, da betrat ein Mann meinen Laden. Sein Vorderreifen sei platt, sagte er. Und dann ging’s los: ein Fragenhagel sondergleichen. „Was denken Sie, wie das passieren konnte? Liegt das am Reifen? Am Schlauch? Am Antrieb? Oder vielleicht an meinem Gewicht?“
Ich dachte kurz, ich sei in einer Quizshow gelandet. Meine Antwort fiel entsprechend nüchtern aus: „Das kann ich Ihnen sagen, wenn ich den Mantel abziehe und mir das Ganze anschaue.“ Gesagt, getan. Die Ursache war schnell gefunden – ein stinknormaler Dorn. Ich wechselte den Schlauch, er bezahlte und fuhr weiter. Ende der Geschichte? Denkste.
Monate später – im Juni – flatterte ein Brief in meinen Laden. Absender: Herr Luftimkopf, namentlich leicht verändert zum Schutz der Wirklichkeit. Inhalt: eine Rechnung eines anderen Fahrradladens – und die glorreiche Forderung, dass ich diese nun bitte zu bezahlen hätte. Begründung?
Zitat: „Sehr geehrtes Team Cycling-Stop, Sie hatten im Februar das Vorderrad von Herrn Luftimkopf instand gesetzt. Nun kam es vor ein paar Wochen zu einem Hinterradschaden inklusive Motorschaden am Mittelmotor. Wir bitten Sie daher, unsere Rechnung zu begleichen.“
Ich las das zweimal. Dann ein drittes Mal. Ich war sicher, das sei Satire. Oder eine verspätete Bewerbung bei Verstehen Sie Spaß?
Also ignorierte ich das Schreiben. Ein Witz, dachte ich. Aber dann kam die erste Mahnung. Da wurde mir klar: Die meinen das wirklich ernst.
Zum Glück habe ich eine Rechtschutzversicherung, die auch gegen Realitätsverlust schützt. Ich übergab den Fall meinem Anwalt und konnte mir zumindest sicher sein, dass ich nicht alleine in diesem absurden Theaterstück mitspiele.
Die Moral von der Geschicht? Wenn der Vorderreifen platt ist, kann das zu einem Schaden am Hinterrad und Motorausfall führen – Monate später.
Zumindest, wenn man Herrn Luftimkopf heißt.