Unglaublich: Was passiert hier gerade?
Unglaublich: Was passiert hier gerade?
Diese Frage stelle ich mir häufiger, als mir lieb ist.
Das Aufschreiben hilft, das Unfassbare zu sortieren, das mir im Arbeitsalltag begegnet.
Ich bin belastbar. Ein großer Teil dieser Stärke entsteht in den vielen leisen, respektvollen Begegnungen mit Menschen, die fair, klar und wertschätzend sind. Sie tragen den Betrieb, sie bleiben in Erinnerung, sie geben Kraft und machen Lust auf morgen.
Doch hier geht es um die andere Seite.
Um Situationen, in denen Ton und Grenze kippen.
Um Bewertungen, die an der Wirklichkeit vorbeigehen.
Um Begegnungen, die verletzen statt verbinden.
Diese Momente erzähle ich hier unverblümt, mit trockenem Humor und einem sarkastischen Unterton. Es geht nicht um Personen, sondern um Situationen. Namen, Daten und erkennbare Details bleiben draußen. Was bleibt, sind Szenen, bei denen Anstand und Realität kurz aussetzen.
Gleichzeitig gilt: Ich stehe hinter jedem einzelnen Mitarbeitenden. Ich gebe Rückhalt, damit sie solche Situationen einordnen, aushalten oder klar verlassen können. Niemand im Team hat die Pflicht, Respektlosigkeit als normalen Teil der Arbeit zu akzeptieren.
„Sehr enttäuschender Kundenumgang“ – oder: Zwei Damen, ein Feiertag und null Verständnis
„Sehr enttäuschender Kundenumgang“ – oder: Zwei Damen, ein Feiertag und null Verständnis
Auszug aus der Bewertung:
„Uns war natürlich klar, dass es dann erst mal keine Ausleihe mehr gibt […] aber was uns wirklich sprachlos machte, war die extrem unfreundliche Art.“
– Frau „Wiebbe Ha“, 1 Rezension – 0 Fahrräder
Pfingstmontag. Die Sonne knallt, die Apfelbäume duften, mein Kopf zählt rückwärts: Noch zehn Minuten bis zur Mittagspause. Ich bin seit morgens auf den Beinen, seit 11:30 Uhr kümmere ich mich gerade intensiv um einen freundlichen Kunden, der sich – wie echte Menschen das tun – vorab informiert hat, online gebucht hat, pünktlich erschienen ist und sogar bitte und danke sagt. Man soll’s kaum glauben, sowas gibt’s wirklich!
Und dann – ca. 12:15 Uhr – öffnen sich die Pforten der Empörung. Zwei Damen betreten das Gelände mit dem Charme einer Steuerprüfung und dem Timing eines schlechten Witzes. Sie wissen offenbar ganz genau, dass gerade Pause ist, sie „hätten das auch akzeptiert“ (Zitat aus ihrer späteren Google-Rezension), aber: Statt einfach wieder zu gehen oder freundlich zu fragen, warum denn keiner springt, kommt ein Tonfall ins Spiel, der mich spontan an RTL2-Dokus über schwierige Nachbarn erinnert.
Ich erkläre, wie immer, dass gerade Mittagspause ist – das steht übrigens draußen am Laden, auf der Website, bei Google, auf Flyern und wahrscheinlich inzwischen sogar auf Satellitenbildern.
Doch meine Erklärung wird nicht etwa mit einem „Ach so, kein Problem“ quittiert – nein, die Damen reagieren, als hätte ich ihnen den letzten Sitzplatz auf der Arche Noah gestrichen.
Der Ton? Abwertend. Die Haltung? Herablassend. Die Reaktion? Eskalationsbereit.
Der freundliche Kunde, den ich von 11:30 bis 12:30 bediene – gut sichtbar im Geschäft – schaut ungläubig zwischen mir und dem lebenden Pfefferspray hin und her. Am liebsten hätte er Popcorn geholt und währe dann vor lauter Fremdschämen im Boden versunken.
Ich beende das Ganze mit einem klaren „So nicht“, bitte die Damen höflich vom Hof und mache eine Notiz für mich: Nächstes Jahr an Pfingsten den Laden nicht öffnen.
24 Stunden später dann – die Rezension. Natürlich nicht von der freundlichen Kundin. Sondern von Frau „Wiebbe Ha“, die „sprachlos“ war – zumindest für den Moment. Auf Google war die Stimme dann schnell wieder da. Da werden Sekunden zur Weltverschwörung, und der Hinweis auf die Öffnungszeiten zur Majestätsbeleidigung.
Aber wir haben ja Video. Und Augen. Und Ohren. Und genug Würde, um uns nicht für ein paar Sterne zu verbiegen. Schon garnicht für jemand ohne Respeckt für seine Mittmenschen!
„Wird man einfach blöd stehen gelassen“ – oder: Wenn Kunden keinen Moment still stehen können
„Wird man einfach blöd stehen gelassen“ – oder: Wenn Kunden keinen Moment still stehen können
Auszug aus der Bewertung:
„Mitarbeiter zieht es vor mit Freunden zu quatschen. Man wird als Kunde gerne mal blöd stehen gelassen…“
– Herr „Elfmeter“, 1 Rezension, 0 Fotos, 100 % Empörung
Es war einer dieser Tage, an denen alles eigentlich rund läuft. Zwei Stammkunden stehen vor mir, wir sprechen über Leasing, Rahmengrößen, Schaltgruppen – echte Beratung mit Inhalt. Und ja, ich kenne die beiden persönlich. Das nennt man im Dorf übrigens Kundenbindung, nicht Kumpelgequatsche. Aber gut.
Während ich also mitten in der Präsentation von zwei edlen KTM-Leasingrädern bin – wirklich schöne Stücke, da bleibt man auch als Händler kurz stehen und streichelt übers Oberrohr – höre ich von der Seite ein „Entschuldigung, können Sie mal kurz…?“
Ich blicke zur Seite, nicke freundlich und sage sinngemäß: „Einen kleinen Moment bitte, ich bin gleich bei Ihnen.“
Doch dieser Moment kam Herr „Elfmeter“ offenbar wie eine Ewigkeit vor. Vielleicht tickt seine Uhr anders. Vielleicht dachte er, ich rede gerade über Fußball oder Grillrezepte. Vielleicht war er einfach ungeduldig. In jedem Fall entschied er sich, lieber zu gehen – und ein paar Tage später zu bewerten.
Was stand drin?
Dass ich lieber mit „Freunden quatsche“. Dass er blöd stehen gelassen wurde. Und dass ich „sofort laut und patzig“ geworden sei.
Spoiler: Ich wurde weder laut noch patzig. Ich wurde nicht mal unfreundlich. Ich habe schlicht gewagt, einen Kunden nicht sofort zu bedienen.
Und dann der Nachsatz, mein Favorit:
„Hatte von der Unfreundlichkeit bereits vorher von Bekannten gehört […] Jetzt selber erfahren müssen.“
Ah ja. Also jemand kommt mit einer vorgefassten Meinung, wird nicht in unter 12 Sekunden bedient – und fühlt sich sofort bestätigt. Das ist wie zum Italiener gehen, weil dir jemand gesagt hat, der sei schlecht – und dann zu bewerten: „Hab nicht mal gegessen. Sah schon so aus, als würde es mir nicht schmecken.“
Die Wahrheit ist: Ich hätte mir auch für Herrn „Elfmeter“ Zeit genommen. Kostenlos. Gründlich. Genau wie für jeden anderen. Wenn man mich nur lässt.
Aber ich berate keine Menschen, die mit dem Rücken zur Tür schon eine schlechte Bewertung schreiben.
„Sehr unfreundlich“ – oder: Wenn der Ton die Musik versaut
„Sehr unfreundlich“ – oder: Wenn der Ton die Musik versaut
Auszug aus der Bewertung:
„Sehr unfreundlich.“
– S W F, 6 Rezensionen, 0 Fotos, 0 Kontext
Manche Bewertungen sind wie ein schlechter Songtext: kurz, leer – und trotzdem irgendwie unangenehm. S W F hat ganze zwei Wörter gefunden, um seine gesamte Erfahrung mit unserem Geschäft zu beschreiben: „Sehr unfreundlich.“
Kein Hallo, kein Tschüss, kein „Ich hatte eine Frage zu…“ oder „Mir wurde dies oder das gesagt“ – einfach nur zwei Worte und fertig. Fast schon poetisch, wenn es nicht so durchschaubar wäre.
Was wirklich passiert ist?
Nun, Herr Lausbube (ja, wir wissen natürlich, wer es war und haben den Namen geändert), hatte eine Begegnung mit unserem Team, die weniger mit Servicequalität und mehr mit Sozialverhalten zu tun hatte. Denn: Wenn man ungefragt in ein Gespräch platzt, in forderndem Ton alles sofort haben will, keine Buchung gemacht hat, keinen Anstand mitbringt – und dann erwartet, dass wir uns dennoch verbeugen, dann liegt das Problem nicht bei unserem Umgangston. Sondern im Spiegel.
Wir waren freundlich. So wie immer. Bis zu dem Moment, wo wir merken mussten: Hier redet niemand mit uns – hier wird diktiert. Und da ziehen wir eine klare Linie.
Denn Kundenservice heißt nicht: „Ertrage alles“.
Es heißt: „Gib dein Bestes – aber verliere nicht deine Würde.“
Und deshalb: Ja, vielleicht war es für S W F ungewohnt, dass man ihm nicht nach dem Mund redet. Dass man ihm freundlich sagt, dass Respekt auf Gegenseitigkeit beruht. Und dass man sich, wenn das nicht klappt, eben nicht mehr unterhalten muss.
Unfreundlich? Nein.
Grenzen setzend. Klar. Und menschlich.
„Hat mir nicht gefallen“ – oder: Der Mann, der einfach mal alles schlecht fand
„Hat mir nicht gefallen“ – oder: Der Mann, der einfach mal alles schlecht fand.
Auszug aus der Bewertung:
„Sehr unfreundlich. Hat mir nicht gefallen…“
– Herr „Sendy Ef“, 3 Rezensionen, 0 Fotos, 100 % Unklarheit
Was genau err „Sendy Ef“ an seinem Besuch nicht gefallen hat, bleibt ein ewiges Rätsel. War es der Kies auf dem Hof? Die Farbe der Tür? Dass ich ihn nicht mit Fanfaren und rotem Teppich empfangen habe? Wir wissen es nicht. Herr „Sendy Ef“ war da – irgendwie – und dann war er wieder weg. Zurück blieb: eine Bewertung. Kurz, knapp, nichtssagend. Man kennt das sonst nur von Leuten, die bei Amazon einen Gartenzwerg kaufen und dann schreiben: „Zu klein.“
Aber schauen wir uns mal an, was möglicherweise geschehen ist. Denn wir haben da so eine Vermutung – basierend auf wahren Begebenheiten:
err „Sendy Ef“ trat zur Tür herein, während ich gerade in einem laufenden Gespräch mit einem Kunden war. Freundlich, wie man es von uns kennt, schaute ich kurz auf, lächelte und fragte: „Hallo! Geht’s um eine Frage zum Weg oder zu den öffentlichen Toiletten?“ – Die Standardfrage für Eilige. Herr „Sendy Ef“ schüttelte den Kopf und sagte: „Nein.“ Also bat ich um einen Moment Geduld, um das Gespräch zu Ende zu bringen. Zwei Minuten. Vielleicht drei. Dann drehte sich Herr „Sendy Ef“ um – und verschwand.
Ein paar Tage später stand sie da – die Rezension mit dem Charme eines abgebrochenen Gesprächs: „Sehr unfreundlich. Hat mir nicht gefallen.“
Es könnte auch etwas anderes gewesen sein – vielleicht hatte Herr „Sendy Ef“ keine Lust, ein Buchungssystem zu benutzen, das sogar Rentnerinnen mit Lächeln bedienen. Vielleicht wollte er spontan etwas leihen, ohne sich zu informieren, oder fand es respektlos, dass wir gerade einen Kunden bedient hatten (ja, hatten wir wirklich).
Was auch immer es war: Die Bewertung bleibt so schwammig wie ein nasser Schwamm. Keine Erklärung, keine konstruktive Kritik – einfach nur schlechte Laune in Textform.
Und genau das ist der Punkt:
Herr „Sendy Ef“ steht sinnbildlich für viele dieser Bewertungen. Menschen, die nichts kaufen, nichts buchen, nichts sagen – aber sich öffentlich äußern, als wären sie Opfer eines Verbrechens geworden, weil sie in einem Laden nicht innerhalb von zehn Sekunden betreut wurden, wie sie es sich vorgestellt haben.
Was uns wirklich nicht gefällt?
Dass Menschen wie Herr „Sendy Ef“ mit ein paar Wörtern all das in Frage stellen, was wir sechs Tage die Woche mit Leidenschaft in der Hauptsaisong tun.
„Nur ein Discounterrad!“ – oder: Wenn Empörung besser ausgestattet ist als das Fahrrad
„Nur ein Discounterrad!“ – oder: Wenn Empörung besser ausgestattet ist als das Fahrrad
Auszug aus der Bewertung:
„Mein ‚Vergehen‘ war der Versuch, eine deutlich sichtbare Hotline anzurufen […] Es ist leider kein modernes E-Bike für 6000 € eines Markenherstellers.“
– Herr „Radolf“, 6 Rezensionen, 1 Foto, 0 Verständnis
Herr „Radolf“ wollte nur eins: Hilfe. Für sein Fahrrad. Sein treues, robustes, vermutlich klappriges Discounter-Rad – Baujahr „wird schon gehen“.
Er kam also – mit dem Rad und einer ordentlichen Portion Empörung im Gepäck – und stand vor unserem Laden. 15 Minuten nach Öffnungszeit, angeblich ohne Personal in Sicht. Also tat er, was in dieser Situation offenbar als revolutionärer Akt gilt: Er rief die Telefonnummer an, die am Laden steht.
Tja, und dann – so behauptet er – wurde er mit folgenden Worten begrüßt:
„Sie gehören wohl auch zu denen, die nicht lesen können …“
Hui! Schweres Geschütz! Klingt schlimm, oder?
Aber Moment: Hat er vorher gelesen, dass wir abweichende Öffnungszeiten regelmäßig online und am Geschäft aushängen?
Hat er gelesen, dass wir bei Außeneinsätzen oder Notfällen gerade mal ein paar Meter weiter unterwegs sein könnten – und dass man uns in solchen Fällen bitte über den Chat kontaktieren soll, damit wir jemanden schicken können?
Hat er gelesen, dass wir telefonisch weder Diagnosen stellen noch Termine vergeben?
Sagen wir’s mal so: Es sieht eher danach aus, als hätte er gelesen, dass er wütend sein möchte – und zwar jetzt.
Und dann kam noch das eigentliche Drama:
Nicht, dass niemand am Laden war. Nicht, dass er warten musste. Nein.
Dass sein Fahrrad kein 6000-Euro-Marken-E-Bike ist.
Zitat: „Mehrere geringschätzige Bemerkungen zu meinem Rad lassen das vermuten.“
Aha!
Also nicht sicher, ob überhaupt jemand was gesagt hat, aber es wurde… gespürt.
Die Felgen der Scham glühten, als er bemerkte, dass sein Fahrrad nicht mit einem Carbonrahmen ausgestattet war. Stattdessen: Baumarkt-Schaltung, gefühlt auf dem Niveau eines Klappstuhls.
Und wir?
Wir dürfen uns jetzt in einer Bewertung wiederfinden, die klingt wie ein innerer Monolog zwischen Minderwertigkeitskomplex und Werkstattpanik.
Herr „Radolf“, ganz ehrlich:
Wir beurteilen Fahrräder nach Zustand, nicht nach Herkunft.
Was wir allerdings wirklich beurteilen, ist Verhalten.
Und wer direkt in den digitalen Angriffsmodus schaltet, ohne sich zu informieren, ohne unseren Chat zu nutzen und dann sein Fahrrad als Vorwand für schlechte Laune nimmt, muss sich über klare Worte nicht wundern.
Und ob es nun ein Discounterrad war oder ein Bentley auf zwei Rädern – das eigentliche Problem war nicht das Bike. Sondern das Benehmen.
Der große Schreck: Verleihstart mit Hindernissen
2019 – Der große Schreck: Verleihstart mit Hindernissen
Es war Anfang Aprill 2019. Ich dachte: Jetzt geht’s los!
Meine ersten vier Fahrräder für den Verleih – wieder für 14 Tage unterwegs – vier schwarze BBF Citybikes mit 3-Gang-Nabe – frisch angeschafft, voller Hoffnung, dass mein kleines Verleihgeschäft Fahrt aufnimmt. Zwei Pärchen mieteten die Räder für 14 Tage, von Hollern-Twielenfleth in die Welt.
Anfangs war ich begeistert: mein zweiter Verleihauftrag über 14 Tage!
Doch dann… kam dieses komische Gefühl. Keine Reaktion auf meine Nachrichten nach dem Ende der Leihzeit. Anrufe wurden ignoriert. Funkstille.
Ich fragte mich:
Ist etwas passiert? Oder wurde ich einfach dreist beklaut?
Vier Fahrräder – weg. Und keine Spur.
Wochenlang kein Lebenszeichen. Ich kam keinen Schritt weiter.
Dann, Ende August, ein Anruf. Ein Ferienhausbesitzer aus der Region meldete sich:
„Wollen Sie Ihre Fahrräder nicht langsam mal abholen? Die stehen hier schon ewig rum.“
Ich konnte es kaum glauben! Ich fuhr sofort hin – und da standen sie: alle vier Räder. Unversehrt. Ich war erleichtert.
Wahnsinn – Ich bin verwundert.
Wie kann man sich einfach so, nicht mehr melden?
Keine Absage. Kein „Sorry“. Kein „Danke“. Einfach: nichts.
Ich war nicht bestohlen worden – aber das Gefühl, wie Luft behandelt zu werden, bleibt.
Ein Start in das Jahr 2019, den ich nie vergessen werde.
Mein Fatzit: Ich muss darüber nachdenken, für alle Räder ein GPS Tracker zu besorgen.