Manchmal steh ich in meinem kleinen Laden – 36 Quadratmeter, die nach mehr riechen: nach Kette, Gummi, Schweiß, Kaffee und manchmal auch nach Verzweiflung – und frag mich: Wie bin ich hier eigentlich gelandet?

Mein erster richtiger Laden steht in Grünendeich, direkt an einem Seitenarm der Elbe, der Lühe. Wenn gerade niemand da ist – keine Kundschaft, kein Telefon, kein Schraubenschlüssel in der Hand – dann hab ich die friedlichste Zeit meines Tages. Ich steh in der offenen Eingangstür, schau direkt auf die Lühe und auf die Apfelplantagen. Die reine Natur liegt mir zu Füßen. Ich hör dem Wind zu, den Vögeln, dem Wasser. Neben mir liegt meine Sally, mein treuer Hund, der alles mitmacht und alles mitträgt. Und ich denke: Genau hier, genau so – schöner kann ein Arbeitsplatz nicht sein.

Ich verkauf Räder, verleihe sie, schraube daran rum, und vor allem: Ich hör zu. Ich hör Geschichten, Wünsche, Beschwerden, Lobeshymnen und manchmal auch blankes Unverständnis. Und irgendwann dachte ich: Diese Geschichte müsste heraus. Nicht, weil ich meckern will – na gut, manchmal schon – sondern weil sie was über uns erzählen. Über Menschen, Erwartungen, Eigenarten. Und manchmal auch über das Glück, wenn’s einfach passt.

Wie es eine Idee zum Traum und in die Realität schafft…

Schon als Kind war mir klar: Ein Fahrrad – das muss ich mir selbst verdienen. Also ging ich zum Gärtner, zupfte Unkraut und half bei einem Bauer aus in den Sommerferien und verdiente mir ein paar Mark, um mir endlich mein eigenes Rad zu kaufen. Ich muss Ihnen nicht erzählen, dass dieses Fahrrad schnell darunter litt, dass ich drei erheblich ältere Brüder hatte. Gut, fairerweise: Auch ich war kein sanfter Besitzer – ich war eben ein Lausbub mit einer großen Portion Bewegungsdrang und wenig Rücksicht auf Material. Und siehe da, es war kaputt.

„Geh dir ein paar Mark beim Gärtner verdienen oder sammel Schrotträder vom Sperrmüll!“, hieß es. Und was habe ich getan? Genau das. Kaum hatte ich ein paar Teile zusammen – und nach, aufgeschlagenen Knien, schnitte an den Händen und vieln Pflaster – war mein Rad wieder fahrtauglich. Na ja, zumindest für mich. Ich konnte es schieben – das war ja schon mal ein Anfang.

Und dann war da ein Nachbar. Ein Schlosser. Einer dieser stillen Helden meiner Kindheit. Mit seinem Wissen, seiner Ruhe und ein paar geschickten Handgriffen machte er mein Rad tatsächlich fahrbereit. Er hat mir nicht nur bei diesem einen Rad geholfen – er hat mir gezeigt, was es heißt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Danke dafür.

Es raste – das Leben lief, und ich war mittendrin.
Ich wurde erst zum Klempner und genoss dann, als junger Mann, die Ausbildung zum Industriemechaniker. Nebenbei studierte ich Informatik an einer Fernschule – das war ganz schön hart!

Im späteren Berufsleben fühlte ich mich oft wie eine Wasserblase in kochendem Wasser: ständig in Bewegung, nie wirklich dort, wo ich sein wollte, und doch blieb ich – obwohl ich tief in mir wusste, dass das alles nicht für immer ist.

Eines aber blieb mir stets treu: das Fahrrad. Mal mehr, mal weniger begleitete es mich durchs Leben.

Mit Mitte, Ende zwanzig betrieb ich schließlich nebenbei einen kleinen Fahrradshop im Internet und in einem kleinen Schuppen reparierte ich sie auch. Reich wurde ich damit nicht – aber das war auch nie mein Ziel. Es hat mir einfach durch und durch Spaß gemacht.

Hiermit möchte ich Sie nicht langweilen –
dieser Abschnitt meines Lebens war turbulent, chaotisch und hatte mit Fahrrädern nur am Rande zu tun. Genauer gesagt: mit dem gelegentlichen Verkauf von Fahrradteilen aus dem Internetshop heraus – ein bisschen Schraube hier, ein bisschen Kette da. Nichts, was man sich rahmen und übers Bett hängen würde. Aber hey, auch Umwege gehören manchmal zum Weg dazu.

Spaß – das muss es doch sein.
Es muss doch einen Job geben, der mir wirklich Freude macht. Und wenn dann auch noch die Vorarbeitenden, die Mitarbeitenden und jemand in der Chefposition gut zu mir passen – dann muss es doch endlich richtig sein.
Aber: Leider nein.

Auch in meiner letzten Anstellung wurde ich, wie so oft ausgenützt und enttäuscht. Die Firma ging letztlich in die Insolvenz – und wurde sogar von Amts wegen geschlossen. Ich hatte erkannt, dass es Chefs gibt, die Mitarbeitende gezielt in Positionen bringen, um ihnen im Ernstfall schnell die Verantwortung zuzuschieben und eigene Interessen durchzusetzen. Doch ich war nie jemand, der seine Position ausnutzte oder blind etwas genehmigte – schon gar nicht am Freitagnachmittag, nur damit ein Bauabschnitt weiterläuft. „Du kannst ja später prüfen“, sagte man mir. Aber bei so etwas mache ich einfach nicht mit.

Und so stand ich da – ohne Job.
Meine Lebensgefährtin und ich zogen um, und plötzlich fand ich mich wieder im System von Arbeitsamt und Jobcenter. Doch anstatt zu hadern, nutzte ich die Förderung und ergriff die Chance: Ich gründete eine neue Firma.

Okay, kurz zurückgespult:
Die Idee entstand an unserem neuen Wohnort, direkt am Elbe-Radwanderweg. Ich stand mit meinem Schwager in spe auf der Auffahrt. Er sagte sinngemäß: „Hier würde doch bestimmt ein Fahrradverleih laufen, oder?“ – Und heute bin ich ihm unendlich dankbar dafür.

Zwei Wochen später hatte ich meine ersten vier Citybikes und zwei E-Bikes am Start. Ich kaufte im Umkreis so viele gebrauchte Räder wie möglich, um die Nachfrage zu bedienen – und es begann, richtig Spaß zu machen. So viel Spaß wie noch nie zuvor in meinem Berufsleben.

Ich bin angekommen.
Dank der Mitarbeitenden beim Jobcenter, meinem Schwager, meiner Lebensgefährtin – und ihrer Familie, die alle hinter mir standen und dies noch immer tun. Dankeschön.

Nun bin ich wirklich angekommen.
Ich ergriff nach einiger Zeitz die Chance und übernahm einen kleinen, 36 Quadratmeter großen, ehemaligen Fahrradverleih. Klingt romantisch – war es aber nicht. Der Kaufprozess mit dem Vorbesitzer war alles andere als spaßig. Eher wie eine Tour de France bei Gegenwind, Dauerregen und mit einem Achter im Vorderrad.

Aber ich habe es geschafft.
Unglaubliche Mengen an Müll mussten rausgeschafft werden – ich habe Dinge gefunden, die vermutlich schon vor dem Urknall da gelagert haben. Dann kam frische Farbe an die Wände, und nach und nach verwandelte ich diesen kleinen Ort in Grünendeich in etwas Besonderes.

Jetzt steht er da: mein Fahrradladen.
Ich verkaufe Fahrräder und Zubehör, repariere Drahtesel aller Marken, biete Leasingangebote an – und natürlich gibt es da noch meinen Fahrradverleih. Damit ermögliche ich Menschen, das Alte Land auf eine der schönsten Arten zu entdecken: radelnd, mit dem Wind in den Haaren und einem Lächeln im Gesicht.

Wie sich diese spannende Geschichte wohl wieter schreibt?